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18.10.2015

Das moderne Wiesbaden

von Dr. Karin Berkemann, moderneRegional 15.10.2015  http://www.moderne-regional.de/


Eleganter Schwung: das Wiesbadener Bundeskriminalamt (H.Rimpel, 1954) (Bild: Kandschwar, CC BY SA 2.0.de)

Wiesbaden will UNESCO-Welterbe werden. Hier kann die mondäne Residenzstadt vor allem mit ihrem Jahrhundertwende-Bädercharme punkten. Doch die hessische Landeshauptstadt hat auch eine bemerkenswerte moderne Seite. Die Aufgabe der Nachkriegsarchitektur bezog sich zunächst auf den Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Teilbereiche. Die ersten Stadterweiterungen dienten der Unterbringung der amerikanischen Soldaten.
Größere Erweiterungen folgten dann in den sechziger Jahren nach den Entwürfen von Ernst May. Parallel wurde eine Reihe bedeutender Einzelbauten errichtet, so etwa das Bundeskriminalamt von Herbert Rimpl und das Statistische Bundesamt von Schaeffer-Heyrothsberge. Diesem Thema widmet sich der Wiesbadener Architekt Hans-Peter Gresser in seinem Vortrag „Die Bedeutung der Wiesbadener Nachkriegsarchitektur“ im Rahmen der Vortragsreihe Kulturerbe am Sonntag, 18. Oktober, 14.30 Uhr. Die Veranstaltung findet im Kurhaus Wiesbaden, Kurhausplatz 1, Salon Schuricht statt. (kb, 15.10.15)


WIESBADEN UND DIE RIMPLWELLE

von Dr. Karin Berkemann, moderneRegional 18.10.2015


Wiesbaden-Biebrich, Heilig-Geist-Kirche (H. Rimpl, 1960) (Bild: Brühl, gemeinfrei)

Im Wiesbaden der 1950er Jahre machte das Bonmot von der „Rimplwelle“ die Runde. Gemeint war der rhythmisch gereihte Parabelbogen, das Wiedererkennungszeichen des Architekten Herbert Rimpl. Mit dieser ostentativen Leichtigkeit prägte er im Wiesbaden der Nachkriegszeit nicht nur den Kirchen-, sondern auch den Verwaltungsbau. Aber, der Reihe nach: Am 18. Oktober 2015 traf man sich im gut gefüllten Salon Schuricht des Kurhauses zum Vortrag „Die Bedeutung der Wiesbadener Nachkriegsarchitektur“. Der Wiesbadener Architekt Hans-Peter Gresser führte kenntnis- und bildreich durch die zweite Moderne der Beamtenstadt und ihre baulichen Zeugnisse.


SCHWUNGVOLLE LEICHTIGKEIT

Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Kulturerbe“, denn auch Wiesbaden will UNESCO-Welterbe werden. Hier kann die mondäne Residenzstadt vor allem mit ihrem Jahrhundertwende-Bädercharme punkten. Doch die Landeshauptstadt hat auch eine bemerkenswerte moderne Seite. In den ersten Jahren hatten die Architekten mit dem Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Teilbereiche zu tun. Es folgten erste Stadterweiterungen in aufgelockerter Zeilenbauweise, um die amerikanischen Soldaten angemessen unterzubringen. Den großen Wurf plante Ernst May in den 1960er Jahren im Auftrag der Stadt: Nur Teile seiner Vision von einem aufgelockerten autogerechten Wiesbaden mit hochhausgekrönten Trabantensiedlungen wurden umgesetzt. Was die Beamtenstadt bis heute prägt, sind die nachkriegsmodernen Ämter, Ministerien und Verwaltungskomplexe.


Wiesbaden, Bundeskriminalamt (1964) (Bild: Kandschwar, CC BY SA 2.0.de)
Wiesbaden, Bahnhofstraße, Nachkriegsbebauung (Bild: Karin Berkemann)
Wiesbaden, Finanzamt (1960), denkmalgerecht saniert (Bild: Karin Berkemann)
Wiesbaden, Kurhaus, Hans-Peter Gresser am 18.10.2015 bei seinem Vortrag zur Nachkriegsmoderne (Bild: Karin Berkemann)

Hier griff Gresser u. a. das Bundeskriminalamt mit seinen markant wellenförmig geschwungenen Dächern heraus – die Rimpl-Welle. Nach seinem Studium in München hatte sich Herbert Rimpl (1902-78) einen Namen gemacht mit modernen Industriebauten, darunter das Oranienburger Heinkel-Werk. In der NS-Zeit erhielt er auch repräsentative städtebauliche Aufträge von Herrmann Göring oder Albert Speer. Nach dem Krieg wirkte Rimpl als freier Architekt mit eigenem Büro in Mainz und Wiesbaden. In der hessischen Landeshauptstadt setzte er, über Projekte im Wiederaufbau hinaus, das besagte Bundeskriminalamt (1954) oder in Biebrich die Heiliggeistkirche (1960) um.



Wiesbaden, ehemaliges r+v-Hochhaus (1971), zum Abriss vorgesehen (Foto: Beggi) 
Wiesbaden, Kantinenbau (1977) im Behördenzentrum Schiersteiner Berg (Bild: Karin Berkemann) 
Wiesbaden, Kantinenbau (1977) im Behördenzentrum Schiersteiner Berg (Bild: Karin Berkemann) 
Wiesbaden, Rhein-Main-Hallen, Neubaustelle nach dem Abriss (Bild: Karin Berkemann)

EIN WELTLÄUFIGES KULTURERBE

Über den Vortrag hinausweisend, brachten auch die klaren 1960er und die auftrumpfenden 1970er Jahren in Wiesbaden bemerkenswerte Baukunst hervor. So gruppierte das Staatsbauamt 1960 das Finanzamt um einen weltläufigen Innenhof oder setzte 1977 eine japanisch anmutenden Kantinenbau in die Mitte des Schiersteiner Behördenzentrums. Nicht jede Nachkriegsschönheit schaut heute in eine gute Zukunft: Das r + v-Hochhaus am Kureck (1971) z. B. ist auf den Abriss hin beräumt, den die Rhein-Main-Hallen (1957) schon hinter sich haben. An der dortigen Neu-Baustelle prangt unübersehbar die Aufschrift: „Flexibilität“. An sich ein guter Rat, denkt man an eine pragmatische Erhaltung und ggf. behutsame Anpassung von Baukunstwerken der Nachkriegsmoderne in der mondänen Beamten-und Bäderstadt, die nach höheren Weltkulturerbeweihen strebt. (kb, 18.10.15)

 

 

 

 

 

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